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Abends ½ 10 Uhr, Illumination und Fackelzug. Die Illumination war allgemeine. Selbst die kleinsten Häuser zeigten Lichterschmuck. Zum Fackelzugsammelte man sich vor dem Ruppiner Tor. Voran 1. Und 2. Knabenklasse, dann die Stadtkapelle (Held) Ehrengäste und Behörden, in langem Zuge die Vereine mit ihren Fahnen, von 200 Fackeln begleitet. Der Zug bewegt sich durch die Friedrich Wilhelm-Straße, Templiner Straße, Mauer-, Bau-, Klopfer-, Hirten-, Mauer-, Vogelsang-, Grünstraße zum Luisenplatz. Hier nehmen die Korporationen Aufstellung um das Luisen - Denkmal.

I.

Feier am Luisen – Denkmal.

Gesang der vereinigten Männergesangvereine unter der Leitung des Kantors Schröder:

Gelübde an der Königin Luise.

Rotglühend um kosen
süßduftende Rosen,
Luise, du Hehre, dein liebliches Bild!
Zum Preis ihr mög‘ klingen
Und himmelwärts bringen,
Was unser frohglühender Herzen entquillt!
Dir mehr und mehr gleichen,
Dein Vorbild erreichen,
Sein immer uns heiliges, hohes Gebot.
Dein Lieben, dein Traum,
Dein gläubiges Schauen,
Auch uns half es Siegen ob Trübsal und Not.
Was mutig mit blutigen
Opfern gewonnen
Die Helden der Freiheit, wir schirmen es gut.
Es sprosse, es werde!
Es blüh‘ deutsche Erde!
Gott halte sie ewig in sichere Hut!
                               ged. v. U. Grüttner, komp. Franz Wagner.

Ansprache des Superintendenten und Oberpfarrer G. Pfannschmidt:
Freunde, Deutsche Männer und Frauen Preußen! Vor 100 Jahren standen zu dieser Stunde und an dieser Stätte Eure Großväter mit Fackeln in den Händen, in tiefer Trauer an der Bahre der geliebten Königin die Ehrenwache haltend. Nacht war es ringsum. Nur ein spärliches Licht gab der Fackel Schein. Nacht war es in aller Herzen. Warum war der Schmerz si tief, die Klage so laut?
Geschlossen waren die Augen, die dem Volk geleuchtet hatten in dunklen Tagen, es stand das Herz, das für jedermann schlug, das Herz, von dem alle Preußen wußten: all unter Sehnen und Ringen nach Freiheit ist ihr eignes Verlangen, unter Weinen und Seufzen unter der Schmach ist ihr eigener Schmerz.

Das Herz gebrochen. Das größte Opfer für das Glück ihre Kinder, für die Ehre ihre Königlichen Gemahls, für das Wohl ihres Volkes hat dieses Herz gebracht. Die Königin-tot. Dunkle!
   Nach 100 Jahren stehen wir wieder zu nächtlicher Stunde, aber in großen Scharen, an dieser Stätte. Dies Denkmal erinnert dauernd uns an jene dunkle Nacht des Trauerns. Wie damals die Väter, haben auch wir Fackeln angezündet. Wenn es nach uns ginge, zündeten wir ein Feuer an, dessen Flammen im weiten Lande zum Tage machte. Ergriffen stehen wir hier, ergriffen von Gottes wunderbarer Führung. Der Herr hat Großes an uns getan. „Durch Nacht zum Licht!“ war Gottes Weg mit unserem Volke.

Darum muß Dank der Grundton dieser Stunde und unserer ganzen Feier sein!
Es ist keine Jubelfeier, es soll das Gedächtnis an ein Sterben sein; und jeder soll daran erinnert werden, wie herrlich ein Sterben ist, wenn die Seele sich legen kann in Gottes erbarmende Hände unter dem Seufzer, den die sterbende Königin flehte: „Auch Gott, Herr Jesus, erbarme Dich, verlass mich nicht, Herr Jesus, mach es kurz!“ Ein herrliches Ende – mitten in der Nacht!

Einst standen in mitternächtlicher Stunde König und Königin und Kaiser Alexander von Rußland am Sarge Friedrich des Großen. Sie reichten sich die Hand zu treuem Bündnis in der Hoffnung auf den Anbruch eines neuen Tages, ein jeder für sein Volk. Sie ahnten nicht die Nähe dunkler Wolken, die mit den Niederlagen bei Jena und Auerstädt über das Land dahin zogen, die wilden Stürme, die Preußens Herr und König nach Osten trieben. Nacht war es, als die Königin über die Kurische Nehrung flüchten mußte. „ So hat noch keine Königin die Not empfunden.“

Am Neujahrstage nach Jena trat der 10 jährige Prinz Wilhelm zum ersten Mal in der Uniform eines preußischen Soldaten an das Bett kranken Mutter. Er trug des Königs Rock, mit Lorbeeren geziert durch die Ruhmestaten des großen Königs. Die Lorbeeren – verwelkt, vom Feinde mit Füßen getreten; aber der dort vor der Mutter stand, war der Sohn der Königin, der in unvergleichbarem Siegeslaufe des „Königs Rock“ wieder zu Ehren gebracht hat, daß wir nun alle stolz sind, des Königs Rock getragen zu haben.

Die Mutter konnte damals den Prinzen nur mit Wehmut anblicken. Noch tiefere Nacht gabs in Tilsit. Bei allem Glanz, den Menschenaugen schauten, eine Nacht, in der die Königin sich am tiefsten demütigen sollte vor dem satanischen Ungeheuer. Und doch stand stand Sie nie größer vor der Welt als in dieser Stunde. „Preußen ist nicht mehr, wir haben alles verloren!“ „Könnte ich noch einmal meine Freunde glücklich und die Tränen der weinenden Familien getrocknet sehen!“ klagt die Königin. Wo ist da noch Licht?

Ja, es war noch Licht da in Ihrer Seele, Licht von oben. Ihre Hoffnung war der lebendige Gott: „Gott kann uns nicht verlassen, es nicht möglich.“ Und die Königin baute auf die Treue ihres Volkes. Sie erblickt Licht in der Zukunft. Mit dieser Hoffnung ist sie nicht zu Schanden geworden.
     Durch Nacht zum Licht ging der Königin Weg. Durch Nacht zum Licht-das war auch unser Volkes Teil. Darum Dank! Danket dem Herrn, der Herr hat Großes an uns getan, an unserm Preußenvolk, an unserm deutschen Volk. Wohl uns, daß wir Preußen sind!

Ihr Frauen und Jungfrauen! In der Königin Luise seht Ihr ein Frauenherz, das sich für andere ganz dahin gab und dadurch stark wurde. Ihr Männer und Jünglinge! Die Verehrung der Königin Luise lehrt uns, was wir den Frauen schulden. Wir alle lernen aufs neue den Weg Gottes: Im Leben gilts ein Sterben, damit unser Sterben ein Leben werde! Durch Nacht zum Licht. Amen!

Sogleich ertönte Männerchor:
                                                                                          Gebet.
            Es schweigen die Geschütze,                                        Sie blicken auf die Braven,
            Geschlagen ist die Schlacht,                                         Die dort die Kugel traf,
            Und wieder ziehn die Sterne                                       Und die als Sieger ruhen
            In ihrer alten Pracht.                                                     Zu ewigem Todesschlaf.
               Noch gestern mild sie blicken                                   Mein Gott, nimm die Gefallnen
               Auf blühnde Nun herab,                                            In deine gnädge Hand;
               Und heut auf blutge Felder,                                      Sie starben für den König
               Ein einzig großes Grab!                               Und für das Vaterland.
                                                                    
                                       ged. V. Udalbert Beyßel. Komp. v. Rudolf Tschirch

Die Versammlung stimmt an:

                           Ich bete an die Macht der Liebe;
                           Die sich in Jesu offenbart;
                           Ich geb´ mich bin dem freien Triebe,
                           Mit dem ich Wurm geliebet ward.
                           Ich will, anstatt an mich zu denken,
                           Ins Meer der Liebe mich versenken.
Indem der Ton des Liebes verhallt, beginnen die Glocken der Kirche zu läuten. Die Bevölkerung geht still auseinander. Bald auch erloschen die Lichter an den Fenstern.


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