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                                                                                            II.

                                               Der Gedächtnisgottesdienst.

Der Kirchenchor sang die beiden ersten Verse des Niederländischen Dankgebetes:
„Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten“; in den dritten Vers: „Wir loben Dich oben, Du Lenker der Schlachten“ stimmte die Gemeinde, von den Posaunen unterstützt, kräftigt mit ein. Es folgte das Eingangslied der Gemeinde: „Sollte ich meinen Gott nicht singen“ und „Weil den weder Ziel noch Ende“.
Die Liturgie hielt der Oberpfarrer Superintendent Pfannschmidt. Eingangsspruch: Das Gedächtnis der Gerechten bleibet in Segen. Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben. Gebet: Wir danken Dir, allmächtiger Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, daß Du in schwerer Zeit des Königs und der Königin einziges Licht, unseres Volkes einzige Zuflucht gewesen bist, daß Du das Gedächtnis an die Königin Luise unserm Volke hast zum Segen sein lassen von Geschlecht zu Geschlecht. Laß uns auch heute erkennen, daß Du demütigst, um zu erhöhe, daß Du im dunklen Tal unser Hirt und Hüter sein willst. Wende Du unsre Herzen zu Dir und laß König Wolf – vor Dir vereint – in Buße und Glauben Dir dienen in Ewigkeit. Amen! Schriftverlesung: 1. Petr. 5.5 – II. Darauf sang der Chor die Motette von Blumenthal-Frankfurt a.D. „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“. Die Gemeinde stimmte das Hauptliedan:

„Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“, „Ich rief zum Herrn in meiner Not“, „der Herr ist noch immer nicht von seinem Volk geschieden“. Die Predigt hielt der Generalsuperintendent der Kurmark D. Koehler-Berlin über den Text: Ebr. 13, 7:
„Gedenkt an Eure Lehrer, welche Euch das Wort Gottes gesagt haben. Ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach“
In den Tagen, wo die Trauerkunde von dem so frühen Hinscheiden der herrlichen Königin Luise sich verbreitete, wo die entseelte Hülle, der wunderschönen Frau durch die märkischen Städte auch durch Eure Stadt, geleitet wurde, zur letzten Ruhe – da zuckte tiefes Weh durch die Herzen des ganzen Preußenvolks. „Rose, schöne Königsrose, hat auch Dich der Sturm getroffen?“ klang die Klage aus Dichtermund. Alle fühlten mit dem Schmerz des Schwergeprüften Königs, der der Entschlafenen an ihrem Sterbebett noch bekannt hatte: „Es kann nicht Gottes Wille sein, uns zu trennen, denn durch Dich allein hat das Leben noch Wert für mich.“ Alle empfanden den unersetzlichen Verlust, den dieser Tod für das Vaterland bedeutete.

Heute nach hundert Jahren fühlen wir wohl auch noch die tiefe Tragik, die über dem Leben, Leiden und Sterben dieser Königin liegt – aber wir haben inzwischen Gottes Fügungen mit unserm Vaterland erlebt, seine Absichten verstanden. Wir klagen nicht mehr bloß, daß er sie uns nahm, sondern wir danken dem Lenker der Weltgeschichte, daß er uns diese Königin gegeben hat in schwerer Zeit. Wenn unser Text sagt: gedenkt an eure Lehrer, - an eure Führer, wie es eigentlich heißt, - die euch das Wort Gottes gesagt haben, so fühlen wir, das gilt auch von Luise. Sie ist ihrem Volke eine Führerin gewesen. Sie hat auch dem Geschlecht unserer Tage noch viel zu sagen. Zwei Dinge lehrt sie uns, die so einfach sind, daß ein Kind sie kann, und die doch so schwer sind, daß sie dem starken Mann und der gereiften Frau ein Ziel bleiben, das keiner je voll erreicht- sie lehrt uns liebhaben und glauben.

Gedenkt an eure Lehrer, sagt der heilige Mann und denkt gewiß dabei an die Apostel, die Evangelisten, die berufsmäßigen Prediger des Evangeliums. Aber wenn am jüngsten Tage die Millionen der Seligen einst gefragt werden, wer sie am herzgewinnendsten den Weg zu Gott gewiesen hat, dann werden ungezählte Männer und Frauen bekennen: das war meine Mutter. Und solche eine Mutter ist Luise ihren Kindern, ihrem Volke gewesen. Es braucht nicht immer der Worte, um das Evangelium zu verkünden. Es gibt auch eine stille Sprache, die gewaltig redet. Die mächtigste Predigt ist die Tat. Wir sagen von unserm Herrn Jesu nicht nur, daß er Gottes Wort verkündet hat, sondern wir nennen ihn selbst „das Wort Gottes“, weil an diesem Manne alles predigt: sein Mund, seine wundertätigen Hände, sein Leben, sein Leiden, sein Sterben.

Aber wenn Du fragst, ob er mehr gewirkt durch seine gewaltigen, holdseligen Reden oder durch sein wortloses stilles Leiden am Kreuz – ich bin gewiß, der stille Mann mit der Dornkrone, der Gottes Willen geduldig erfüllt und seinen Geist in seines Vaters Hände befiehlt, der ist der Sieger, dem die Welt zu Füßen fällt. Und was hat er gepredigt mit Wort und Tat? Sein Jünger Johannes faßt es in den kurzen Satz: Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt in Gott und Gott in ihm.

Nun wird niemals ein Mensch sie lieb haben können wie das heilige Kind Gottes. Aber Paulus hat doch recht, wenn er sagt: Gott hat einen hellen Schein in unseren Herzen gegeben, auf daß durch uns entstände die Erleuchtung von der Klarheit Gottes im Angesicht Christi, das heißt: Wenn Gottes Liebe in ein Herz fällt, dann ists, als wenn der Sonnenglanz in einen Spiegel scheint. Der dunkle Spiegel strahlt das Licht wieder an und fängt an zu leuchten, als wenn er selbst eine Sonne wäre. Solch ein Herz hat die Königin Luise gehabt. Die Liebe Jesu strahlte aus ihm und sie konnte wie Wenige die Kunst, Alle zu beglücken, die in ihre Nähe kamen. In der aufrichtigen, ehrlichen, selbstlosen Liebe lag zuletzt der geheimnisvolle holde Zauber ihrer Persönlichkeit. Sie liebte ihren Nächsten.

Und das waren für sie ihr Gemahl und ihre Kinder. Sie war die treuste Gattin, die sorglichste Mutter. „Den besten aller Männer“ hat sie ihren Gemahl genannt. „Gott, welche Freude!“ hat sie noch in der Todesnot gerufen, als Friedrich Wilhelm an ihr Sterbebett eilte. Und dabei ist es beiden nicht leicht geworden, sich in einander einzuleben, denn sie waren sehr verschiedener Natur. Aber sie waren Christen und wollten einander verstehen. Und da haben sie dann ihrem Lande das Vorbild einer unsäglich glücklichen Ehe gegeben. Welche eine stille Predigt die Tat vom Throne! – Und wie hing Luisens Herz an dem reichen Kranz ihrer Kinder, die sie umgab! „Ich bitte Gott täglich,“ schreibt sie einmal, „daß er sie segnen guten Geist nicht von ihnen nehmen möge.“

Und wie hat sie sie gemahnt, daß sie gute Menschen werden möchte! – Aber neben der Sorge für die Familie stand bei ihr das Mitleid mit den Armen. „Nun werde ich nicht mehr meine kleinen Wohltaten so ängstlich zu zählen brauchen“ sagte sie, als sie, als sie Königin wurde. Und wie einst ihr Schwiegervater ihr eine Bitte frei stellte, da bat sie ihn um eine Hand voll Gold für die Armen. Ja selbst in den schweren Tagen von Königsberg, wo sie selbst mit der ganzen königlichen Familie in fast dürftigen Verhältnissen lebt, war Wohltun ihre Freude. Sie hatte die Menschen lieb. Was war sie für eine Patriotin! Unter der Schmach von Jena hat sie tief gelitten. „ Werdet Männer, “ mahnte sie ihre Söhne, „daß sie ihre Söhne,“ daß ihr würdig werdet des Namens von Prinzen und Enkel der großen Männer eures Hauses.“ Mit blutendem Herzen unterzog sie sich der Demütigung, den harten Kaiser Napoleon um Gnade für Preußen zu bitten.

Die letzte Krankheit hätte sie nicht dahin gerafft, wenn der Gram um das Vaterland nicht an ihrem Leben gezehrt hätte. Sie hat ihr Volk geliebt bis in den Tod. Welch eine Predigerin ist die herrliche Frau noch unsern Tagen, die ein vergiftender Hauch der Selbstsucht, der Vergnügungssucht und der Unzufriedenheit durchweht, wo ein Teil der Frauenwelt die Ehe als eine drückende Fessel ansehen möchte, wo die Bande der Familie und der Ordnung sich zu lockern beginnen, wo eine nach Millionen zählende Partei die Vaterlandslosigkeit auf ihre Fahne schreibt. Laßt uns lernen, was Luise gepredigt hat: Das Vaterland kann nur durch die Guten gerettet werden. Gute Menschen wollen wir sein und unsere Familie, unser Volk, unser Vaterland leblos und treu lieb haben wie diese große Lehrerin auf dem Königsthron.

Nun ist es sehr leicht zu sagen: Du sollst lieb haben. Dazu gehört Selbstüberwindung, gehört Kraft. Woher bekommen wir diese? Nur daher, von wo sie unsere Königin zufloß: aus der Religion. Wer dem Heiland nachfolgen will in der Liebe, der muß Glauben haben. „ Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folget ihrem Glauben nach“. Der Glaube ist wie eine Hand, die sich in Gottes Hand legt. Wer glaubt, kann sagen: „Der Herr hält mich“. Da wird das Herz fest. Solcher Glaube ist nicht gleich fertig da im Menschen. Wie eine Pflanze ein Sonnenschein und Sturm, wächst er unter den Führungen Gottes. Auch bei Luise ist er gewachsen. Sie ist wohl immer ein frommes Kind gewesen. Wie ernst hat sie es mit ihrer Konfirmation genommen. „ Gott schenke mir Kraft“, schrieb sie im Tagebuch „zu erfüllen, was ich heute gelobt habe“.

Aber der lebensfrohen, alles harmlos fröhlich nehmenden Jungfrau ist der felsenfeste Glaube auch erst der Halt geworden im bitteren Leid. Rührend ist ihr Gottvertrauen, mit dem sie, von schwerer Krankheit kaum noch genesen, bei eisigen Schneestürmen die denkwürdige Flucht über die kurische Nehrung wagt: „ ich will lieber in Gottes Händen fallen, als dieser Mensch“. „Bester Vater“, schreibt sie mitten im tiefsten Unglück, „ich bin überzeugt, es wird noch einmal alles gut werden – wenden wir nur unsrer Blicke zu Gott, der uns nie verläßt, wenn wir ihn nicht verfallen“. Und wahrhaft ergreifend heißt es in einem anderen Briefe: „ich bin zu einer Seelenruhe und zu einem innern Frieden gelangt, die mich hoffen lassen, daß ich noch einmal mit der Fallung und Demut einer echten Christin alle Fügungen Gottes und alle Leiden ertragen werde, die mir zu meiner Läuterung geschickt werden“.

Und mit der Bitte: „mach’s kurz, Herr Jesu!“ ist sie eingeschlafen. Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben. Ihr Ende schauet an und folget ihrem glauben nach. Der Glaube hat Luise zur Heldin gemacht und ihr die Kraft zur Liebe gegeben. Das gelobte Land der Freiheit ihres teuren Vaterlandes hat sie nicht mehr gesehen, aber sie hat daran geglaubt und im Glauben daran das ihre getan, die neue Zeit herbeizuführen. Daß der gewaltige Minister Freiherr von Stein, der Preußen erneuert, an die Spitze der Verwaltung gerufen wurde, ist ihr Werk. Und der Mann, der beim Beginn des französischen Feldzuges an Luisens Sarge im Mausoleum zu Charlottenburg still gebet, ehe er den Entscheidungskampf wagte, der im Königsschlosse zu Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen ward, ist ihr Sohn! Was danken wir, wir die Menschen dieser Tage, der so früh im Leide dahin geschiedenen Königin? Wir, denen es unter unsers Kaisers glorreicher Regierung so wohl geht, und die doch so undankbar sind für alle unverdiente Gnade Gottes? Meine Freunde!

Wenn der Glaube wankt, wenn die kalten Zweifel herrschen, dann erstirbt auch die Liebe, die heilige, selbstlose, opferwillige Liebe, dann geht es abwärts mit Seelenfrieden, mit Familienglück und Volkswohl. Das Vaterland wird auch heute nur durch den Guten gerettet. Lasset uns die bessernde Hand bei uns selbst anlegen und von der grossen Predigerin auf dem Throne lernen – wir Männer und Frauen – liebhaben und glauben. Amen.
Nach der Predigt wurde der Gemeinde bekannt gegeben, daß unser Allergnädigster Kaiser und König aus Anlaß dieser Feier sich entschlossen habe, die drei Fenster der Apsis der hiesigen Kirche mit Glasgemälden zu schmücken; Ihre Majestät die Kaiserin hat der Kirchengemeinde unter Segenwünschen einen Altar-und Kanzel behang in Schwarz gestiftet, der zu dieser Feier zum ersten mal auflag.

Dankbar für diese Stiftungen sind die Frauen und Jungfrauen der Stadt zusammengetreten, eine Königin Luise-Stiftung zu errichten, um die Taufkapelle mit gemalten Glasfenster zu versehen. Nach dem Gesang der Gemeinde „ So kommet vor sein Angesicht“ hielt der Diakonus der Kirche, Pfarrer Brexendorff, die Schlußliturgie.
Nach dem Gottesdienst begaben sich die Korporationen durch die Baustraße zu Luisenplatz zur Aufstellung dortselbst. Prinz August Wilhelm nahm mit dem Gefolge den Weg ebendorthin durch die Friedrich Wilhelmstraße. Wiederum jubelte die Bevölkerung freudig ihm zu. Das Denkmal erschien von heller Sonne bestrahlt in ernster Schlichtheit, würdig und groß.

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